15. April 2021
Heldengeschichten sind Ursprungs- und Zivilisationsgeschichten

Das Thema „Heldenfaszination“, das der Publizist Michael Girke für die Philosophier-Lust online gewählt hatte, mag für eine Philosophie-Veranstaltung auf den ersten Blick verblüffen. Sind doch Helden im heutigen Verständnis in der populären Kultur angesiedelt und dort vor allem in Filmen oder in dem nicht sonderlich hoch angesehenen Genre Comic. In der Antike allerdings, so Girke, waren Helden Figuren aus der Religion und der Kunst. Damals nannte man sie Heroen.

 

Dramatiker wir Euripides oder Aischylos schrieben Stücke über Heroen, die bis heute auf der Bühne aufgeführt werden. Sie handeln von der göttlichen Ordnung, sind voller Tragik und großer Gefühle. Antike Philosophen kritisierten diese mythischen Dichtungen. Die in ihnen enthaltenen Weltdeutungen beruhten für sie auf falschen Annahmen und stellten damit Täuschungen dar. Die Philosophen wollten das von Göttern und heroischen Halbgöttern bevölkerte Weltbild durch ein vernunftgeleitetes ersetzen. Der Mythos sollte durch den Logos überwunden werden. Der Widerstreit zwischen diesen beiden Weisen, die Welt zu erklären, durchzieht die gesamte Kulturgeschichte. Dies macht das Thema Helden für eine Philosophieveranstaltung interessant.

 

Girke extrahierte aus diversen Definitionen die Merkmale von Helden. Da sind ihre enormen, das Vermögen normaler Menschen übersteigenden Handlungsmöglichkeiten und ihre übermenschlichen Taten, die über Genrationen und Jahrhunderte hinweg erzählt werden. Zuweilen zeugen die Erzählungen auch von einer übersteigerten, übertriebenen Verehrung, einer Vergötterung. Am Beispiel Homers (Ilias, Odyssee) und unter Berufung auf Karl Kerényi erläuterte Girke, wo die Wurzeln der Heldengeschichten liegen und was ihre Inhalte ausmacht. Es sind Gründungsmythen, die erklären, wie die Welt entstand, wie und warum alles so geworden ist und woher wir kommen. Zugleich sind sie Zivilisationsgeschichten, erzählen, wie die Menschen die Natur zähmten, sie sich untertan machten.

 

Die zentrale Frage, der Girke nachging war, warum Helden von je her bis heute so faszinieren. Ihre übermenschliche Stärke, ihr Mut begeistern, ihre Menschlichkeit, die sich in Leiden, Fehlbarkeit oder auch Scheitern zeigt, ermöglicht es, sich ihnen nah zu fühlen. Die Ambivalenz nicht nur gut, sondern auch schlecht oder böse sein zu können, besitzen sowohl die antiken wie auch modernen Helden. Diese in allen Kulturen und über alle Zeiten hinweg gültige Grundstruktur des Helden hat Joseph Campbell in seinem Buch Der Heros in tausend Gestalten herausgearbeitet. Die Schöpfer der ungemein populären Heldenfiguren wie Spiderman und Batman übernahmen Campbells Heldencharakterisierung und damit einen seit jeher erfolgreichen Archetyp.

 

Zum Schluss ging Girke noch auf die politische Instrumentalisierung von Helden wie Hermann und Widukind im 19. Jahrhundert ein. Museumsleiterin Sonja Langkafel legte dar wie diese Indienstnahme für die Nation und das Herrscherhaus durch die Errichtung des Herforder Widukind-Denkmals 1899 funktionierte. Anhand von Zitaten aus den Einweihungsreden von Bürgermeister und Landrat beschrieb sie, wie der Bevölkerung Stolz auf das Vaterland eingepflanzt und sie auf unbedingte Treue gegenüber dem Kaiserhaus eingeschworen wurde.

 

Die Frage nach den persönlichen Helden der Teilnehmenden leitete die Diskussion ein. Von Frodo über Morrissey, Jesus, Fußballhelden von 1954, Fabian Klos und Gorbatschow bis zu Astronauten reichten die Nennungen. Sie verkörperten für die Teilnehmenden positive Werte und Leistungen, die sie teilen oder bewundern. Die Verhörszene aus The Dark Knight, in der Batman Joker brutal schlägt, disqualifiziere Batman als Helden, fanden die Teilnehmenden.


 

 

 

 

 1899: Einweihung des Wittekinddenkmals von Heinrich Wefing

1899: Einweihung des Wittekinddenkmals von Heinrich Wefing

 

Um 1900: Kinder vor dem Wittekind-Denkmal

Um 1900: Kinder vor dem Wittekind-Denkmal

 

1942: Demontage des Wittekind-Denkmals von Wefing für die zu Rüstungszwecken angeordnete sog. „Metallspende“

1942: Demontage des Wittekind-Denkmals von Wefing für die zu Rüstungszwecken angeordnete sog. „Metallspende“

 

1959: Einweihung des neuen Wittekind-Denkmals, das Wolfgang Kruse nach dem Vorbild des alten Denkmals entwarf

1959: Einweihung des neuen Wittekind-Denkmals, das Wolfgang Kruse nach dem Vorbild des alten Denkmals entwarf

 

 

4. März 2021
„DIE RENAISSANCE - Hochzeit der Kultur und des Denkens“

Der Publizist Michael Girke legte anschaulich dar, dass mit der Renaissance (etwa 1420 – 1600) ein neues Zeitalter begann, in dem sich, angeregt durch die Wiederentdeckung antiken Wissens eine neue Sicht auf den Menschen als Individuum und die Welt entwickelte.


An Gemälden Jan van Eyks (ca. 1390 - 1441) führte er eindrücklich vor Augen, wie der Maler die im Mittelalter üblichen Darstellungen hinter sich ließ. Statt typisierter Figuren aus der Heilsgeschichte malte er nach dem Leben. Seine Porträts beruhen auf wahrheitsgetreuer Beobachtung und zeigen reale Personen, deren Aussehen nicht beschönigt ist. Das Individuum steht im Fokus. Nach Jakob Burckhardt, dem von Girke neben Erwin Panofsky mehrfach zitierten Kulturhistoriker, bildete sich in der Renaissance das moderne Individuum heraus. Anders gesagt, damals entstand unser heutiges Selbstverständnis vom Menschen.


In der Renaissance liegen auch Wurzeln der modernen Naturwissenschaften. Neben das christlich dominierte Wissen des Mittelalters trat das in Vergessenheit geratene, aber in Büchern bewahrte Wissen der Antike über Techniken, Astronomie und Erscheinungen der Natur. Es stammt aus verschiedenen Kulturen, der griechischen, arabischen, persischen und auch fernöstlichen.


Tausend Jahre nach dem Untergang des römischen Reiches wurde das Wissen der Antike in den mächtigen italienischen Stadtstaaten, allen voran Florenz, wiederentdeckt. Überlebt hatte es vor allem in Klosterbibliotheken und in Byzanz, dem oströmischen Reich. Als dieses von den Osmanen erobert wurde, flohen viele Wissenschaftler von dort nach Italien und trugen zur Entfaltung der Renaissance bei.


Eine allgemeine Bildungsbegeisterung kennzeichnet die Renaissance. Girke drückte es so aus: „Gebildet sein war Mode“. Die neue Philosophie der Zeit war der Humanismus. Seine Maxime: Der Mensch soll frei werden durch Bildung. Der Effekt: Umfassende Bildung eröffnet viele Perspektiven und übt im Umgang mit Vielfalt. Der Mensch muss immer wieder entscheiden, was gilt und was nicht. Durch Vernunft, durch das Denken wird der Mensch zur Wahrheit geführt. Die Welt des Wissens und die Welt des Glaubens drifteten auseinander. Ihre widerspruchsfreie Verbindung gelang kaum mehr, was nicht heißt, dass antikes Wissen nicht auch von der Kirche geschätzt und in ihrem Sinne angewendet wurde, z.B. im Kirchenbau.


Die Renaissance wurde nicht zuletzt durch die Erfindung des Buchdrucks und die damalige Weltsprache Latein ermöglicht. Arabische, griechische, persische Bücher werden ins Lateinische übersetzt. In Latein wurde das wiederentdeckte Wissen über nationale Grenzen hinweg diskutiert und durch die Diskussion weiterentwickelt. Diese Form wissenschaftlichen Diskurses, der Neues hervorbringt, bringt der Linguist Jost Trier in seiner Bezeichnung „Wiederwuchs“, durch die er „Renaissance“ ersetzen wollte, auf den Begriff. Zu der Wortschöpfung inspirierte ihn die Forstwirtschaft. So wie aus beschnittenen, aber noch kraftvollen Bäumen neue Triebe wachsen, so wurzelt die neue Weltsicht der Renaissance in dem alten antiken Wissen.


Von Italien aus breitete sich die Renaissance in den Norden Europas aus. Dass auch Herforder sich in die gelehrten Gespräche einmischten und die Renaissance noch heute sichtbare Spuren in Herford hinterlassen hat, zeigt Museumsleiterin Sonja Langkafel am Schluss des Vortragsteils auf. Sie verwies auf die von Hermann Dwerg testamentarisch verfügte Einrichtung des Studentenkollegs und auf die Humanisten, die als Lehrkräfte an der Herforder Lateinschule und dem in der Reformation gegründeten Gymnasium (heute Friedrichsgymnasium) wirkten sowie auf die renaissancezeitliche Architektur am Neuen Markt und das abgebrochene Altstädter Rathaus.

 

Zum Weiterlesen:


Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien.

Ein Versuch, Stuttgart (Kröner Verlag) 2009 oder (Reclam) 2014 oder als kostenloses Digitalisat

 https://www.deutschestextarchiv.de/book/view/burckhardt_renaissance_1860?p=12

Erwin Panofsky: Die Renaissancen der europäischen Kunst, Frankfurt 1990

 

Bernd Roeck, Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance, München (C.H.Beck) 2017


 

 

 

 

 

 

 

Der Ausschnitt aus dem Aquarell von J.G. Müller zeigt das Altstädter Rathaus. Um 1590 wurde die Gerichtslaube im Stil der Hochrenaissance angebaut.

Der Ausschnitt aus dem Aquarell von J.G. Müller zeigt das Altstädter Rathaus. Um 1590 wurde die Gerichtslaube im Stil der Hochrenaissance angebaut.

 

 

 

 

 

Das Haus mit reichgeschmücktem Renaissance-Ziergiebel wurde 1560 von dem Baumeister Johann von Brachum für den Herforder Ratsherrn und Kaufmann Jobst

Das Haus mit reichgeschmücktem Renaissance-Ziergiebel wurde 1560 von dem Baumeister Johann von Brachum für den Herforder Ratsherrn und Kaufmann Jobst

Erfolgreicher Start von Philosophier-Lust online

Den Museumsschließungen im Zuge der Corona-Pandemie ist bisher auch die Philosophier-Lust-Reihe im Städtischen Museum zum Opfer gefallen. Die Kooperationspartner VHS und Museum schafften Abhilfe und boten einen ersten philosophische Abend am 28. Januar online an, gesendet aus dem Städtischen Museum an. Das Thema wurde der aktuellen Situation und dem Wunsch aus dem Kreis der Teilnehmenden folgend gewählt und hatte besondere Brisanz: Es ging um den Nutzen und die Last der Freiheit.


Dozent Michael Girke stellte in seiner Einführung sowohl aktuelle Positionen von Künstlern und Philosophen als auch die Genese unseres heutigen Begriffs von Freiheit vor. Dass diese Freiheit nicht absolut ist, sondern sowohl durch physische Gesetze als auch durch familiäre, kulturelle und politische Übereinkünfte begrenzt wird, schränkt die Freiheit aus philosophischer Sicht nicht ein. Hier wird Freiheit gemeinhin seit Immanuel Kant als Freiheit von Zwang definiert, dass also Menschen sich frei entscheiden können, wobei ihr Wissen als Handlungs- und Entscheidungsgrundlage dient. Diese Freiheit entsteht folglich im gemeinsamen Agieren. Der Philosoph Ottfried Höffe beispielsweise sieht Freiheit als Verhandlungssache in einer Gesellschaft an, die immer wieder neu festgelegt und in spezifischen Situationen neu verhandelt werden muss. Alexander Kluge begreift Freiheit als individuellen und kollektiven Lernprozess. In aktuellen philosophischen Positionen wird deutlich, dass dies ein erhebliches Maß an Toleranz im Umgang miteinander und mit unterschiedlichen Haltungen und Einschätzungen erforderlich macht.


Fast ebenso lang wie der Vortrag geriet dann auch die von Michael Girke und Museumsleiterin Sonja Langkafel moderierte Diskussion um die Freiheit des Einzelnen und ihre Grenzen, die sich vor allem an der aktuellen pandemischen Situation aufhängte. In der Diskussion wurde deutlich, dass die beteiligten Teilnehmer die pandemiebedingten Einschränkungen zum großen Teil als notwendige Belastung ansahen, die vielleicht bei einer basisdemokratischen Entscheidung tatsächlich gar nicht so weit abweichen würden. In vielen Stellungnahmen aber wurde auch deutlich, dass die Teilnehmer durchaus besorgt darauf schauten, dass die Maßnahmen nicht von allen gleichermaßen mitgetragen werden. Und auch, dass die vielfach sichtbare Unzufriedenheit, die sich in Ablehnung der Maßnahmen ausdrückt, sowohl die Bekämpfung der Pandemie, vor allem aber auch den Umgang miteinander auf Dauer schwieriger machen könnte.


In einer Hinsicht waren sich die Teilnehmer einig: Das Format soll in dieser Form weitergeführt werden, solange die Pandemie Präsenz-Veranstaltungen im Museum nicht zulässt. Das Thema der nächsten Philosophier-Lust online am 4. März um 19 Uhr wird die Renaissance sein.

Weitere Informationen zu Inhalt und Anmeldung gibt es bei den Veranstaltern: vhsimkreisherford.de und poeppelmannhaus.de

 

 

 

 

 

Technik im Städtischen Museum, die Menschen zum Philosophieren im virtuellen Raum zusammenholt. Foto: Sonja Voss

 Technik im Städtischen Museum, die Menschen zum Philosophieren im virtuellen Raum zusammenholt.

Foto: Sonja Voss